Am Limit - Zeugen der Katastrophe im Mittelmeer

"Das ist ziemlich aufregend. Ich bin im Gebiet, das ich mir über ein Jahr lang vorgestellt habe. Hier, wo man so gut segeln könnte, kommen tausende Menschen um. Das ist überhaupt nicht denkbar, das kann gar nicht sein. Mir war klar, hier muss ich sein, um Leben zu retten." Martin Kolek sitzt auf dem Brückendeck eines uralten Hochseekutters. Der 49-Jährige hat für seine Mittelmeerreise Urlaub genommen. Er ist kein Berufsseemann. Der Musiktherapeut gehört zur Crew, die sich Mitte Mai 2016 in Maltas Hauptstadt Valletta freiwillig auf den Weg zur libyschen Küste gemacht hat. Unter den dreizehn Helfern sind Ärzte, Sanitäter, ein Koch, ein Schlosser, ein Keramiker, eine Juristin, Schiffstechniker und ein Kapitän. Ein Kamerateam der Hamburger EIKON-Nord-Filmproduktion geht mit an Bord unter einer Bedingung: bei allen seemännischen Tätigkeiten der Besatzung müssen die zwei Reporter mit zupacken - schließlich wird jede Hand auf dem nur 33-Meter langen Kahn gebraucht. Der Kutter heißt "Sea-Watch" - Meerwache. Die Seenotretter selbst nennen sich Aktivisten. Sie suchen vor Libyen Flüchtlingsboote und werden dann aktiv: mit Schnellbooten bringen sie Rettungswesten zu verzweifelten Menschen und bewahren sie vor dem Untergang. Sie organisieren deren Transport in sichere Häfen. Sie warten solange bis Frachter, Marine oder andere große Schiffe, die Flüchtlinge aufgenommen haben. Martin Kolek kann nicht ahnen, dass es für ihn der dramatischste Törn seines Lebens wird. Für die gesamte Schiffsbesatzung, auch für die Reporter wird es eine Reise, die alle bis ans Limit führt. Einer der Rettungsbootsfahrer, der 31-jährige Welf Seyer, sagt am Ende der Fahrt: "Wir haben genau den Moment erwischt, wo der Knoten platzt. Die Leute an der libyschen Küste warten schon lange. Vielleicht den ganzen Winter über. Jetzt wird das Wetter gut und da fahren die Leute los. Wir haben als Sea-Watch-Organisation, davor gewarnt, weil die Balkan-Route und die Ägäis eigentlich auch zu sind. Wo sollen die Menschen denn sonst kommen?" Vor gut einem Jahr hat ein Unternehmer gemeinsam mit Freunden die Sea-Watch-Organisation ins Leben gerufen. Er kaufte ein hochsee-taugliches Boot und vertraute auf private Spender. Sea-Watch-Erfinder Harald Höppner aus Brandenburg wollte nicht hinnehmen, dass wieder eine Todesgrenze existiert. Er erinnert an die DDR-Zeit, als Menschen beim Versuch mit dem Schlauchboot über die Ostsee in ein besseres Leben zu fliehen, ertrunken sind und er denkt an die tödlichen Schüsse an der Mauer. "Sea-Watch ist unpolitisch", sagt Höppner und spricht von gelebter Mitmenschlichkeit. Die Rettungsteams werden auch von der evangelischen Kirche betreut. Pfarrer kommen in den Hafen zu den Mannschaften. Experten für Stressmanagment. Notfallseelsorge vor und nach den Reisen. "Am Limit." Diese RTL-Reportage will anders sein. Sie zeigt nicht allein Unglücksboote mit hunderten Menschen an Bord. Hautnah begleitet die Kamera die Lebensretter, zeigt wie die Laien in Windeseile seemännische Fertigkeiten erlernen, wie die Crew sich auf mögliche Einsätze vorbereitet. Der Zuschauer ist dabei beim langen Warten, beim Sturm mit meterhohen Wellen. Und dann in nur einer Woche folgen viele Einsätze. Mehr als siebenhundert Menschen werden tatsächlich von Martin Kolek und seinen neuen Freunden aus dem Mittelmeer gerettet. Die Sea-Watch-Crew meistert fortan extreme Ausnahmesituationen, nimmt zeitweilig mehr als 120 Flüchtlinge an Bord und rettet weiter. Sowas war nicht vorgesehen. Ebensowenig beim Bergen von Leichen zu helfen. Allein in der einen Mai-Woche ertrinken eintausend Menschen im zentralen Mittelmeer. "Die Dinge, die vorgefallen sind, habe ich mir vorher so im Kopf vorgestellt", sagt Martin Kolek. "Das war im Rahmen dessen, was ich befürchtet hatte. Nur an Säuglinge habe ich überhauptnicht gedacht." Am Nachmittag des 27. Mai 2016 holt der Mann mit den roten Haaren und mit den blauen Augen ein totes Baby an Bord des Schnellbootes. Er hält den Leichnam in seinen Armen. Das Foto davon bewegt später die Welt und wird zum Dokument der Zeitgeschichte gegen das Vergessen und gegen die Gleichgültigkeit. Der Kameramann, der das Foto und die Filmaufnahmen darüber gemacht hat, half selbst beim Suchen und Markieren der vielen Leichen... "Am Limit. Zeugen der Katastrophe im Mittelmeer." - vom Anfang bis zum Ende eine ungewöhnliche Reportage.